Mittwoch, 7. März 2018

Ein Brief an mein 5-, 10- & 15-jähriges Ich



Es ist unfassbar seltsam das zu schreiben. Also wirklich, aber ich wollte das schon länger einmal machen und in meinen Augen bot mein 20. Geburtstag, also Montag, eigentlich eine gute Gelegenheit dazu, aber ich komme erst heute dazu den Brief hochzuladen.

Ich werde Dinge sagen, die zum einen vielleicht sehr persönlich sind, aber irgendwo auch nicht mehr, weil sie aus einer Distanz von bis zu 15 Jahren geschrieben wurden, was sich komplett surreal anfühlt, weil ich manchmal das Gefühl habe nicht einmal 15 zu sein. Womit fange ich an? Wahrscheinlich ist Chronologie das Sinnvollste, auch wenn ich nicht immer weiß, ob ich dem so folgen werden.

Liebes 5- jähriges Ich. Leider kann ich mich nur noch schwer an dich erinnern, auch wenn ich immer noch einiges über dich weiß, aber ich kann nicht sagen wie viel davon wahre Erinnerungen, wilde Fantasien, oder erzählte Begebenheiten sind. Du bist gerade 5 und im Kindergarten. Nächstes Jahr wirst du in die Schule gehen. Ein Ort, welcher dich sehr lange Zeit begleiten wird. 12 Jahre um genau zu sein. Wir beide machen nämlich Abitur. Aber das ist später noch ein Thema. Es ist seltsam über jemandem zu reden, der zu gleichen Stücken man selber ist, aber sich auch anfühlt als würde man zu einem seiner jüngeren Geschwister reden. Auf keinen Fall schlecht. Nur… anders würde ich sagen. Reden wir ein bisschen über den Kindergarten. Du warst in zwei verschiedenen. In einem Vor und in einem Nach dem Umzug nach Baden- Württemberg. Ich würde gerne noch wissen, wie du dich gefühlt hattest, aber ich weiß es leider nicht. Ich kann dir aber mit 15 Jahren Abstand sagen, dass unsere Eltern alles richtig gemacht haben. Irgendwie gehören wir schon hierher. Ich kenne den Ort an dem wir geboren sind und die ersten vier Jahre gelebt haben eher noch durch meine Besuche bei unseren Großeltern und weniger als mein Zuhause, aber es gibt noch ein paar Dinge, an die ich mich erinnere. An das kleine Dachgeschoss, welches nur dir gehört hat und du zu deinem kleinen Spiel- und Abenteuerplatz erkoren hast. Ich weiß, dass wir einen rießigen Garten hinten hatten und ich kenne den Ort nach, weil unsere Großeltern noch im selben Haus leben. Du hast dort oft gespielt, meistens alleine für dich, die Welt erkundigt, bist auf den „Berg“ geklettert und hast im Gras gelegen. Oma hat auf dich aufgepasst und Opa meistens auch. Du konntest schon immer ziemlich gut Zeit mit dir alleine verbringen, weil es meistens nur deine Fantasie gebraucht hat und das hat dir gereicht.

Ich kann mich nicht mal ansatzweise an die Geburt von unserer Schwester und unserem Bruder erinnern und meine ersten Erinnerungen an sie fangen in Baden- Württemberg an. Ich kann mir vorstellen, dass du am Anfang eifersüchtig warst, weil du das Gefühl hattest, dass du dir Mama und Papa teilen musst, aber ich verspreche dir, dass du diese beiden Nervensägen so sehr lieben wirst, dass du mit ihnen sogar freiwillig (so halb) ein Bueno teilen würdest. Unter enormen Bedingungen versteht sich.

Du warst schon immer ein ruhiges, zurückgezogenes und schüchternes Kind, du wirst auch ein schüchterner Teenager bleiben und auch mit 20 nicht gerade Selbstbewusstsein mit der Muttermilch aufgenommen haben, aber wir machen Fortschritte.

Auch weiß ich, dass wir schon im Kindergarten manchmal Unterschieden gemerkt haben. Sagen wir es so. Du hast typische deutsche Sprichwörter, Sitten und Bräuche einfach nicht so gut gekannt, weil deine Eltern nun einmal nicht in diesem Lang geboren wurden und auch wenn sie alles getan haben, dass du die Sprache schnell lernst, die Gesellschaft verstehst und so weiter gab es trotzdem Dinge, die du manchmal nicht verstanden hast. Aber als Kleinkind hat man damit weniger Probleme. Solange beide wissen, welche Barbie ihre liebste ist kann man sich blendend verstehen. Ich weiß, dass du dich unheimlich auf die Schule freust. Auf neue Erfahrungen, aber besonders weil du viel lernen willst und sogar Lust auf Hausaufgaben hast, unter uns ab dem Gymnasium flacht diese Euphorie etwas ab und du warst froh, dass du in der Grundschule schon manche aus dem Kindergarten kanntest. Du warst unfassbar gespannt auf diese Erfahrung.

Liebes 10-jähriges Ich du hast diese Erfahrung nun schon hinter dich gebracht und befindest dich auf dem direkten Weg ins Gymnasium. Deutsch ist dein Lieblingsfach und Sport kannst du nicht leiden (wundert es dich, dass ich dir erzähle, dass du Sport am liebsten abgewählt hättest und jetzt mit 20 Germanistik studierst?). Schon in der Grundschule hast du dich immer in Bücher verzogen, wenn dir draußen alles zu laut wurde. Du hast nie so viele Freunde gehabt, aber viele Bekanntschaften und die Freunde, die du hattest waren immer da, für alle Probleme, die man mit 10 eben hat und durchgeht.

Du wirst dich die ganze Grundschullaufbahn in einen kleinen Jungen verlieben. Er hat blondes lockiges Haar, ist super nett und ist der schnellste im Rennen. Ich weiß nicht, ob es nur das war, aber daran kann ich mich noch erinnern. Ich kann dir einmal  etwas verraten: dein Typ, wenn man davon sprechen kann, wird sich sehr ändern. Deine Freunde mögen dich, auch wenn du oft das Gefühl hast, dass du zu ruhig bist und zu wenig redest, aber dich auch nicht traust aus dir rauszugehen. Ich kann mich noch erinnern, dass es dir immer sehr unangenehm war, wenn dir jemand etwas auf schwäbisch gesagt hat, oder mit einer Tradition ankam, die du einfach nicht kanntest, Anstelle nachzufragen hast du nur genickt und dich innerlich gefragt, warum du so doof bist und das nicht weißt. Ich wünschte ich könnte dir sagen, dass das nichts mit Intelligenz zu tun hat, manchmal kennt man sich einfach in einer Sache mehr aus und manchmal in einer weniger.

Ich weiß aber auch, dass du sehr engagiert warst in der Grundschule. Du hast Erstklässlern mit Migrationshintergrund geholfen besser lesen und schreiben zu können. Deine „Patenkinder“, so wurden sie genannt haben dich sehr gemocht und ich weiß, dass du die Sache sehr ernst genommen hast. Du bist in die Schach AG gegangen und spielst das immer noch sehr gerne, du warst in der Französisch AG und hast am Ende doch Latein gewählt, aber bis heute kannst du sagen, dass dein Name Anna ist und du einen roten Pullover anhast.

Deine Geschwister und du waren sehr typische, Streit und Spiel gingen praktisch Hand in Hand, aber am Ende war eigentlich alles wieder gut. Bis auf den einen Tag, als dein kleiner Bruder deiner Lieblingsbarbie- Ken den Arm ausgerissen hat und ihr werdet bis heute Witze darüber machen, dass du möchtest, dass er sie dir erstattet.

Du hast bis auf paar Kleinigkeiten eine schöne Grundschulzeit gehabt, viel Spaß an der Schule allgemein gehabt, gute Freunde gefunden und warst sehr aufgeregt endlich aufs Gymnasium zu dürfen.

Und damit hallo zu meinem 15-jährigen Ich. Dir steht sowohl die Schönste, als auch die Schlimmste Zeit deines bisherigen Lebens bevor und ich hoffe du bist darauf vorbereitet, auch wenn ich weiß, dass du es nicht bist. Du hast schon immer mit Schüchternheit Probleme gehabt, aber das womit du dich die nächsten Jahre herumschlagen musst ist mehr als das. Auch wenn du es dir nicht einreden möchtest und glaubst, dass das normal ist. Social anxiety ist das eigentliche Wort, welches du suchst und irgendwann auch bereit sein wirst zu finden und dir Hilfe zu suchen, denn wenn du eine Sache in den nächsten Jahren lernen wirst, dann die Tatsache, dass es nicht schwach ist, wenn man nach Hilfe fragt, sondern dass das ganz normal ist. Ich weiß, dass deine Abiturszeit schlimmer sein wird, als du sie dir je vorstellen kannst. Du ignorierst deine mentale Gesundheit total und rutscht immer mehr in ein Loch, welches sich später als wahrscheinlich depressive Phase herausstellt, aber weil du das Gefühl hast, dass doch jeder andere auch mit dem Druck klar kommt pusht du dich noch mehr und hast immer mehr Probleme, aber du gehst so von Tag zu Tag. Wenn ich dir jetzt einen Tipp geben dürfte, dann wäre es der, dass du nicht so sehr darauf achten solltest, was andere schaffen und du anscheinend nicht. Auch wenn du es niemals glauben wirst, aber wir haben es mit 20 so gut wie geschafft das Konkurrenzdenken aus unserem Kopf zu löschen.

Nach deinem Schulende erleidest du einen leichten Nervenzusammenbruch und entschließt dich dazu ein halbes Jahr Pause zu machen. Es ist die bis jetzt beste Entscheidung, die wir für unsere Gesundheit getroffen haben. Es war richtig so. die Anxiety wird nicht für immer geheilt sein und wir haben immer noch Phasen in denen wir nichts anderes denken, als dass jeder der Menschen, der uns wichtig ist uns eigentlich hasst und wir wertlos sind, aber wir lernen damit umzugehen. Aber dazu kommt irgendwann noch etwas.

Freundschaftlich gesehen machst du so große und wichtige Schritte. Du eliminierst bald jemanden, der dir nicht gut getan hat und findest stattdessen Freunde, die ein Teil deiner Familie werden und mit denen du auch zum Teil zusammenziehen wirst. Du wirst lernen, dass es richtig ist sich zu öffnen und Menschen besser mit einem umgehen können, wenn sie wissen, was du fühlst und es nicht nur raten müssen.

Du wirst bis dato ungefähr drei junge Herren in deinem Leben treffen, die wichtig für dein Liebesleben sind und ernsthaft erwägenswert sind. Dein erster Freund war perfekt dazu dein erster Freund zu sein. Du kennst ihn schon und wirst ihn bald mit anderen Augen sehen und ihr werdet eine schöne niedliche Beziehung führen, die wahrscheinlich mit süß betitelt werden kann. Ihr werdet gut auseinandergehen. Keiner ist dem anderen böse und man kann noch gut miteinander reden und du kannst dich glücklich schätzen, dass er dann jemand wird, dem du wirklich alles Glück der Welt wünscht. Die zweite Person wird… schwieriger. Du lernst sehr viel durch ihn und ganz besonders was du niemals mehr in einer Beziehung willst und mit welchen Menschen du dich nicht umgeben willst und so kacke, wie die letzte Zeit mit ihm war so viel stärker wirst du daraus hervorgehen. Und dann wird etwas passieren, wovon du nicht gedacht hättest, dass es das wird. Du wirst jemanden kennen lernen, der dich mit allem, wie er ist und wie er sich verhält, komplett umhauen wird. Auch wenn nicht alles so läuft, wie du es dir wünschen würdest, so ist er ein wirklich toller Kerl und die Gewissheit, dass du dich nicht ganz abgestumpft bist, ist auch schon etwas für dich.
Auch wirst du lernen, dass eine Sache, der du dir ziemlich sicher warst nicht eintreten wird. Dünner zu sein wird dich nicht automatisch glücklich machen und deine Probleme wegschaufeln. Es tut mir sehr leid.

Dir stehen also in den nächsten drei Jahre sehr harte und schwierige Jahre gegenüber, aber du wirst das alles meistern und ich kann dir einen kleinen Ausblick auf jetzt geben. Du wirst etwas studieren, indem du vollkommen aufgehst, du wirst abnehmen, aber erst nachdem du gemerkt hast, dass du das für deine Gesundheit machst und nicht um anderen zu gefallen, du wirst viel mehr an Selbstbewusstsein gewinnen, Dinge ausprobieren, die du schon immer machen wolltest, wie diesen Blog zum Beispiel und darin eine neue Leidenschaft entdecken. Du wirst alleine wohnen und das eigentlich ziemlich gut meistern, du wirst viel mehr gute als schlechte Tage haben und du wirst ziemlich zufrieden in deinem Leben sein. Halte nur ein bisschen durch, du schaffst das, ich weiß das- und auch, wenn du das damals niemandem geglaubt hast, so sage ich es trotzdem: ich bin sehr stolz auf dich.


Liebe Grüße,

Anna

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